Trauma bei sich und anderen erkennen

Bei Trauma denken viele sofort an heimgekehrte Soldaten aus Kriegsgebieten. Ein Trauma erleben viel mehr Menschen, als viele denken. Durch mein eigenes Erleben, wollte ich mehr über Trauma, Schocktrauma, Entwicklungstrauma und Bindungstrauma erfahren. Die großen Augen und Fragezeichen in den Gesichtern von Bekannten beim Thema Trauma zeigten mir, die meisten wissen gar nicht, was Trauma ist oder haben ein unvollständiges Bild davon. Aufklärung tut Not, dachte ich mir. Hinzukommt dass die wenigsten realisieren können, wie man sich mit Trauma fühlt. Fühle ich eigentlich noch irgendwas? Diese Frage stellte ich mir oft genug im inneren Dialog. Dieser Beitrag soll helfen, einen Überblick über Trauma zu geben. (vertiefende Beiträge folgen)

Grundsätzlich kann ein Trauma körperlich, mental und psychisch/seelisch entstehen. Die meisten werden im Zusammenhang mit Unfällen von einem Schädel-Hirn-Trauma oder Schleudertrauma gehört haben. Die psychisch/seelischen Traumen lassen sich leicht verständlich und bildhaft mit Wunde oder Verletzung beschreiben. So wie man nach einer Verletzung der Haut, diese reinigen und versorgen muss, braucht auch die Seele ein Kümmern und Verstehen. 

Was ist ein Trauma?

Es gibt mehrere Arten von Trauma. Schocktrauma, Bindungstrauma, Entwicklungstrauma, die enger oder weiter gefasst werden können. Die klassische Einordnung wie sie die Deutschsprachige Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT) vertritt, zählt Naturkatastrophen, schwere Unfälle und schwerste Erkrankungen hinzu, Erlebnisse in denen jemand durch andere Menschen psychischer, physischer oder sexueller Gewalt ausgesetzt war. Zudem sind Schocktraumata in sich abgeschlossene Handlungen, die in einem einzigen Ereignis mit besonderer Heftigkeit fußen. Aber was ist mit Verlust- und Vernachlässigungserfahrung und die vielen scheinbar kleinen Verletzungen der Kindheit, die später zu großen Verletzungen werden können? Wozu zählen sie? 

Bei einem Trauma wie von der DeGPT definiert, wurden Verletzungen der Emotionen, des Lebenswillens, der Überzeugungen, die ein Mensch über sich selbst und die Welt hat, sowie Verletzungen der persönlichen Würde und des Sicherheitsgefühls erlebt. Der Angriff ist derart heftig, dass er alles bis dahin erlebte, gesagte und gefühlte in den Schatten stellt. Ein Schock tritt ein. Der Mensch weiß oder glaubt, ernsthaft mit dem Tod bedroht zu sein oder muss um seine oder eines anderen körperliche Unversehrtheit bangen. Die im bisherigen Leben erworbenen Fähigkeiten reichen meist nicht aus, um das Erlebte zu verarbeiten und damit fertig zu werden. Gefühle der absoluten Hilflosigkeit, starke Angst oder Grauen und Ohnmacht werden erlebt.

Traumatisch als Belastungsindikator – genau hinschauen und hinhören

Im privaten Umfeld sprechen Menschen gelegentlich davon, ein Ereignis sei für sie traumatisch gewesen. Damit will die Person bekräftigen, dass ein Erlebnis besonders leidvoll für sie war und einen über die sonstigen Alltagserfahrungen hinaus, belastenden Grad erreicht hat. Eine Belastungsreaktion allein heißt gemäß der DeGPT aber noch nicht, dass es tatsächlich ein Trauma war. Da stellt sich mir die Frage, ist es deshalb weniger akut, nur weil es in die Richtlinien streng genommen nicht passt? Wenn Hoffnungslosigkeit gefühlt werden, einfach kein Licht am Ende des Tunnels auftauchen will, ist es an der Zeit sich Hilfe zu suchen, damit wieder Glaube und Hoffnung auf das Gute im Leben erkannt werden können. In beiden Fällen Trauma und traumatische Erfahrung, steht der Mensch unter Stress, was sich auf das Nervensystem, den Appetit, die Lebensfreude und das Schlafverhalten auswirkt. Hilfe tut gut und ist meines Erachtens nach unabdingbar, um freudvoll und erfüllt im Leben weiterzugehen!

Entwicklungstrauma – Kindheitstrauma 

Bei einem Entwicklungstrauma wird die Offensichtlichkeit schwieriger, da der Ursprung in der Kindheit liegt. Man weiß heute, dass nicht nur die Schocktraumata gravierende Folgen auf den Menschen haben. Auch die scheinbar kleinen Verletzungen oder Missstände reichen aus, dass ein Mensch ein Entwicklungstrauma erleidet. Beispielsweise, weil er sich in seiner Familie nicht gesehen fühlt, keine Ansprache hat, es an Bindung und glückverheißenden Momenten fehlt, die Sicherheit und Geborgenheit fehlen, weil niemand da ist, der das Kind liebevoll spiegelt.

Studie zu Bindungsverhalten – liebevoll sicher gebunden

In einer Studie konnte die Auswirkung auf ein Baby durch den Verlust der Bindung deutlich nachgewiesen werden. Hierzu filmte man mehrere Mütter und die Reaktionen ihre Babys. Die Mütter sollten sich zunächst ihrem Baby zuwenden, es anlächeln, ihm Geborgenheit vermitteln. Die Babys zeigten sich zufrieden und fröhlich. Im nächsten Schritt wurden die Mütter aufgefordert, keine Reaktion in ihrem Gesicht zu zeigen, mit versteinerter Miene ihre Babys zu versorgen und nicht mit ihnen zu reden. Die Babys registrierten die Veränderung der Mutter sofort und weinten hilflos, waren nicht mehr zu beruhigen. Dies zeigt deutlich, dass ein Baby auf die gefühlvolle Annahme und den direkten liebevollen Kontakt, über Blick und Gestik angewiesen ist, um sich sicher gebunden zu fühlen. Daraus erwächst über die Zeit eine sichere Bindung, die dem Menschen in seiner Entwicklung zum Aufbau von verlässlichen Bindung und der Äußerung von Gefühlen dient. Ohne dies, erleidet der Mensch Hilflosigkeit und fehlendes Vertrauen in sich, die Menschen und die Welt.

Einem Baby und Kind lediglich die Versorgung seiner Grundbedürfnisse zu gewähren, Essen, Trinken, Kleidung reichen nicht aus, um einen gefestigten und glücklichen Menschen daraus werden zu lassen.

Wenn Menschen zudem im frühen Kindesalter Belastungen ausgesetzt waren, die für ihr Alter nicht angemessen waren, lernt der Mensch irgendwie im Stress zu überleben. Von einem erfüllten Leben spreche ich hier natürlich nicht. Das fatale an dieser Entwicklung ist, es ist sehr schwer unter solchen Lebensumstände eine Resilienz aufzubauen, das heißt genug Ressourcen zu haben, um Gefühle adäquat zu meistern, diese auszuhalten, sich selbst beruhigen zu können, sich einschwingen zu können, wieder in Ruhe und Entspannung zu finden. (Tipps hierzu folgen)

Was passiert in der Trauma-Situation selbst?

Dabei wird das Gehirn regelrecht überflutet, das Stressniveau steigt rapide an, Körper und Seele sind in extremer Alarmbereitschaft. Innerhalb von Millisekunden entscheidet sich, ob es möglich ist zu kämpfen oder zu flüchten. Ist beides nicht möglich, kann die im Körper angefachte und sofort bereitgestellt Energie und Spannung, nicht entweichen. Schlagen Option kämpfen oder flüchten fehl, bleibt nur noch erstarren. Die Psyche / Seele wählt den Notausgang, um sich in Distanz zum Erlebten zu bringen. Das Fühlen wird abgestellt. Manche Überlebenden berichten darüber, sie hätten die Szene als von oben herabblickend gesehen oder waren anderweitig ganz fern. Dies sind die absoluten Schutzmaßnahmen, zu denen ein Mensch in Not fähig ist.

Dennoch führt es zu einer kompletten Überforderung auf der Körper-Geist-Seelen-Ebene. Der Angriff ist vorbei, jetzt könnte man meinen, geht es zurück zur Tagesordnung. Im Normalfall würde das Gehirn beginnen, das Erlebte zu verarbeiten und als vergangen abspeichern. Unter der Überflutung gelingt dies nicht. Trauma hinterlässt Spuren, die manchmal Wochen, Monate, Jahre bis Jahrzehnte nachwirken.

Wichtig zu erkennen ist: Trauma ist eine völlig normale Reaktion des Menschen, auf ein abnormes Ereignis. Es ist nicht der Mensch der komisch, zu zart oder zu sensibel ist, sondern das Ereignis fällt aus dem Rahmen des Alltäglichen. Sich dieses immer wieder klar zu machen, half mir in manch dunkler Stunde.

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